Bei meinem letzten Streifzug durch die Buchblog-Landschaft ist mir ein Review zum zweiten Teil meiner schwulen BDSM-Reihe GRENZEN über den Weg gelaufen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Reihe so positiv hervorgehoben wurde. Bei dieser Passage musste ich aber dann doch schlucken:

So kommt es mir leider so vor, als würde man jedes Kapitel einzeln hochladen und dafür ordentlich kassieren. Muss doch echt nicht sein, so was finde ich echt nicht gut.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und ich glaube, ich verstehe, woher solche Gedanken kommen. Nun möchte ich das als Anlass nehmen, euch mehr über meinen Werdegang als Indie-Autorin zu erzählen und so dem einen oder anderen Leser vielleicht einen besseren Einblick zu geben, warum die Dinge sind, wie sie sind.

Ja, ich war jung und brauchte das Geld

Weil sich durch eine Firmenauflösung meine Lebensumstände drastisch änderten, stand ich im Januar 2017 plötzlich am Ende einer Straße, das ich nicht hatte kommen sehen. Das soll jetzt nicht melodramatisch klingen, aber ich erinnere mich an Abende, an denen ich in der Küche saß und geheult habe. Nun ich bin ich aber niemand, der aufgibt und da ich schon seit vielen Jahren Geschichten schrieb (größtenteils Fanfiction), gab mir diese Erschütterung den letzten Kick, endlich etwas Eigenes zu veröffentlichen und den Traum vom Schreiben wahrzumachen, wenn das Schicksal mir schon diese ‚Chance‘ vor die Füße knallte.

Ich nahm die Idee zur Hand, die mir am wichtigsten war und in die ich das meiste Vertrauen setzte: Ich plante GRENZEN. Aber ich hatte überhaupt keine Ahnung, ob irgendjemand lesen wollen würde, was ich fabrizierte. Mich kannte ja auch niemand. Ich fing bei Null an.
Also schrieb ich den Anfang, recherchierte so viel wie möglich über rechtliche Grundlagen, über Covergestaltung, über KDP. Ich habe tagelang darüber nachgedacht, ob ich das Risiko eingehen kann, 10  € für einen Impressumsservice auszugeben und dann noch mal 10 € für ein Cover. Am Ende veröffentlichte ich Grenzen 1 mit dem Gedanken Bitte bitte, mach dass es wenigstens die 20 € wieder einspielt, die ich investiert habe.

Ich hatte Glück und die Geschichte wurde tatsächlich für die 99 Cent gekauft. Ich war erleichtert. Ich bekam sogar ein paar Reviews. Das machte mir Hoffnung. Also schrieb ich weiter und rechnete immer wieder herum, wie ich es schaffen könnte, mir etwas aufzubauen, von dem ich leben kann. Es ist ja nun mal nicht so, dass man eine Geschichte veröffentlicht und dann jeden Monat stabil das selbe Einkommen daraus erzielt. Ich stand unter Druck, aber ich fühlte mich trotzdem gut dabei, denn ich hatte das Gefühl, die Sache in die Hand nehmen und dafür kämpfen zu können. Und das Beste war: Meine Waffe war das Schreiben.

Habe ich es geschafft, mit GRENZEN das große Geld zu machen?

Die kurze Antwort lautet: Nein.

Ich habe mit den eBook-Verkäufen für GRENZEN 1 in dem Zeitraum Februar bis Juni genau 73,60 € verdient – nicht monatlich sondern insgesamt. Für GRENZEN 2 sind es 43,64 € und für den neu erschienenen Teil sind es bisher 18,96 €. Das macht 136,19 € in der Summe. Davon müssen 30 € für die Cover abgezogen werden und 10 € für den Impressums-Service. Dann sind noch 96,19 € reiner Gewinn übrig.

Wenn ich grob überschlage, beträgt die Schreib- und Überarbeitungszeit pro Teil ungefähr 20 Stunden (die Zeit, in der ich am Cover sitze schon eingerechnet). Somit ergibt sich ein Stundenlohn von 1,60 €, wenn ich kein Geld für Marketing oder Korrektorat oder sonst irgendwas ausgebe. Von ordentlich kassieren ist das leider Lichtjahre entfernt.

Ich könnte jetzt noch die Kosten für den Webspace und den Steuerberater anführen, aber das ist eigentlich unnötig, denn es sollte inzwischen klar sein, dass ich hier nicht mit einer fetten Sonnenbrille und drei palmenwedelnden Sklaven auf einer Yacht sitze.

Warum also Kurzgeschichten* und kurze Serienteile?

Ein Aspekt dürfte schon klar geworden sein: Am Anfang war es ein Experiment. Ich konnte es mir nicht leisten, mich erst ein halbes Jahr hinzusetzen und einen kompletten Roman zu planen, zu schreiben und zu überarbeiten. Ich brauchte einen Testballon, um zu sehen, ob es überhaupt Sinn macht, meine Hoffnungen ins Schreiben zu setzen. Und zwar kurzfristig.

Wir lernen uns gerade erst kennen

Nun war (und bin) ich eine relativ unbekannte Autorin. Ich muss rudern, um wahrgenommen und überhaupt erstmal auf Amazon gesehen zu werden. Da ich kein Geld für Anzeigen und Promotion übrig habe und auch keine riesige Follower-Schar in den sozialen Netzwerken besitze, schien die einzige Möglichkeit zu sein, wenigstens einmal im Monat etwas Neues zu veröffentlichen, damit Amazon mich unter den Neuerscheinungen auflistet. Deswegen schrieb ich neben GRENZEN auch noch Kurzgeschichten.

Man las, man kaufte, man kommentierte. Ich war überglücklich, als meine Frühlings-Kurzgeschichte Ein neuer Anfang so gut ankam. Sie spielte mir tatsächlich in kurzer Zeit ein paar hundert Euro ein und sicherte sozusagen mein Überleben. Aber was fast noch wichtiger war: Ich gewann Vertrauen. Vertrauen in mich, in die Leser und in den Markt. Ich beschloss, mich jetzt an einen Roman zu setzen. Trotzdem wollte und musste ich jeden Monat etwas veröffentlichen, damit Amazon und die Leser mich nicht einfach wieder vergaßen.

Ich bin gekommen, um zu bleiben

Der nächste Grund sind Stabilität und Planbarkeit. Ich kann viel besser abschätzen, in welchem Rahmen sich meine monatlichen Einnahmen bewegen werden, wenn ich einmal im Monat eine kurze Geschichte veröffentliche, als wenn ich monatelang an etwas Großem schreibe. Ich erkenne so schneller, was meine Leser mögen, oder was sie weniger anspricht und ob sich irgendwelche Trends entwickeln. Amazon verändert sich ständig. Vor einer Weile startete Prime Reading und das war sicherlich nicht die letzte Neuerung, die Autoren und Leser beeinflusst.

Kurze Geschichten haben ihren Platz

Mancher fragt sich vielleicht, warum jemand 0,99 oder 2,99 € für ein kurzes eBook ausgeben soll, wenn er für 3,99-5,99 € einen vollen Roman bekommen kann. Ich habe verschiedene Antworten von Lesern dazu gehört.
Viele Leute mögen gerade die Kürze. Man kann so eine Geschichte direkt an einem Abend vor dem Schlafen durchlesen, oder an einem Arbeitstag auf dem Hin- und Rückweg mit der U-Bahn. Oder an einem Nachmittag im Liegestuhl am Strand. Man muss nicht irgendwann unterbrechen und wieder neu ansetzen, sondern erlebt die ganze Geschichte in einem kurzen Zeitraum.
Menschen, die zwar gerne lesen, aber in ihrem Alltag nur wenig Lesezeit einrichten können, nehmen manchmal lieber eine kurze Geschichte zur Hand, weil sie dann nicht Gefahr laufen, durch eine tage- oder wochenlange Lesepause wichtige Details zu vergessen und von vorn beginnen zu müssen. Außerdem ist es ein schönes Gefühl, trotz Zeitmangel eine Geschichte zu Ende gelesen zu haben. So kommen auch diese Leser zu ihrem Happy End.
Das Konzept von kurzen eBooks hat also seinen Platz in unserer schnelllebigen Welt gefunden.

Kurz heißt nicht lieblos

Vielleicht liest sich der obige Text für einige Leute so, als würde ich fließbandartig irgendeine Ware produzieren. Das ist eine Sicht, die Dinge zu sehen. Sie deckt sich allerdings nicht mit meinem Erleben. Ja, ich schreibe zügig, aber nicht lieblos. In jeder Geschichte steckt Herzblut und ich hoffe, das merkt man.
Ich schreibe endlich all die kleinen Ideen auf, die ich über Jahre in meinem Kopf und meinen Notizbüchern gesammelt habe und es macht mir sehr viel Spaß. Viele davon hätte ich wohl nie zu Papier gebracht, weil ich lange Zeit dachte, dass nur Romane überhaupt gelesen werden. Gleichzeitig muss ich die Charaktere nicht zwingen, sich mehr aus den Rippen zu leiern, als sie mir von sich erzählen wollen. Manche Liebesgeschichten sind kurz und intensiv und wenn sie mit 10.000 oder 14.000 Worten erzählt sind, dann ist es eben so. Sie deswegen nicht zu schreiben, wäre doch schade.
Auch kurze Geschichten zu akzeptieren, bedeutet für mich mehr Freiheit, und die will ich auch nicht wieder hergeben. Trotzdem freue ich mich, dass ich durch die Grundlage, die ich mir mit ihnen schaffe, auch die Möglichkeit habe, Romane zu schreiben, ohne ein zu großes Risiko einzugehen.

 

 

*Wenn ich in diesem Beitrag von Kurzgeschichten rede, meine ich nicht die literarische Gattung der Kurzgeschichte, sondern vielmehr eine kurze Geschichte