Ein neuer Anfang: Frühlingsgefühle (Leseprobe)

Piep. … Piep. … Piep. …

Was zuerst nur die weit entfernte Ahnung eines Geräusches war – so entfernt, dass er manchmal nicht einmal glaubte, dass es wirklich existierte – wurde mit der Zeit zum Puls der endlosen Dunkelheit, in der er sich befand.

Das Geräusch ließ sich genauso wenig definieren, wie die Dunkelheit. Sie war weiter und endloser als nasser Asphalt und fühlte sich an wie Leder… zuerst kühl und hart, dann warm und anschmiegsam. Er suchte in seinen Erinnerungen nach ihrem Ursprung. Wie war er hierher gekommen und wie würde er wieder hinaus finden? Er hätte längst aufgehört, daran zu glauben, dass es überhaupt ein ‚hier‘ und ein ‚woanders‘ gab, wäre da nicht dieses Piepen gewesen, das eindeutig nicht Teil von ihm selbst war.

Und plötzlich war da mehr.

Ein süßlicher Geruch. Er wollte den Kopf drehen, die Nasenflügel blähen. Nichts davon funktionierte. Die Dunkelheit war keine warme, lederne Decke mehr, sondern seine Fessel, er spürte es. Sie hatte ihn getäuscht. Wut wollte, dass er seine Fäuste ballte, aber wusste nicht, ob es geschah. Ob dieser Körper, dem er da Befehle geben wollte, überhaupt mit ihm verbunden war.

Verzweiflung waberte durch die Schwärze wie Nebel. Er wollte fort.

Piep. … Piep. … Piep.

Vielleicht war das Piepsen nur ein Teil der Kette, an der er hing. Falsche Vertrautheit. Es war immer gleich. Der Geruch aber veränderte sich. Die süße Note hatte hunderte Facetten und jede einzelne streute bunte Lichtpunkte in die Schwärze, wenn auch nur für Bruchteile von Momenten. Er fing an, ihm zu vertrauen. Vielleicht war er die ganze Zeit in die falsche Richtung gegangen. Er versuchte, tiefer zu atmen, als würde der Duft so zu einem Seil werden, das er so an sich heranziehen konnte, um es dann zu ergreifen und aus der endlos tiefen Grube zu klettern.

Er krümmte die Finger, wusste nicht wie schwer er selbst war und wie viel Kraft er brauchen würde… nur dass er hier raus wollte.

Die Schwärze verschwamm zu einem klebrigen Rot. Seine Hand schloss sich fester um den Halt, der urplötzlich da war.

»Können Sie mich hören?« Die Stimme hallte in seinen Ohren, verzog sich mit jedem Echo und wurde leiser bis zur völligen Unkenntlichkeit.

Ja. Er wollte antworten. Aber es kam nichts. Hatte er überhaupt eine Stimme? Konnte er eine haben, wenn er sich nicht daran erinnern konnte, wie sie klang?

Wieder ein anderer Geruch. Lavendel?

Etwas löste sich. Woher kam dieses schleifende, raue Geräusch? Es passte nicht zu dem ewigen Piepen. Wärme legte sich auf seine Wange.

»Ich bin hier.«

Ja, er spürte, dass er da war.

Das Schleifen kam aus seiner Kehle. Er musste es nur noch zu Silben formen. Angestrengt konzentrierte er sich auf seine Frage.

»Wo bin ich?« Seine eigene Stimme jagte ein kaltes Kribbeln durch die Schwärze.

»Im Krankenhaus.« Zwei Worte, die so viel bedeuteten. Die die endlos schwarze Welt um ihn herum zerbrechen ließen.

Euphorie keimte in ihm auf. Er spürte seine Brust und das Klopfen darin.

Piep. Piep. Piep. Piep.

»Keine Angst. Alles ist gut.«

»Ich ha…chhh…hrrrr.« Er hatte keine Angst. Warum fühlte sich das Sprechen so schwer an? Warum war seine Zunge so träge, seine Lippen so seltsam hart und seine Kehle so rau? Nichts schien zu stimmen, jetzt da er sich langsam immer mehr spüren konnte.

»Hier. Trinken Sie langsam.«

Der andere half ihm, den Kopf anzuheben. Er fühlte etwas kühles an seinen Lippen. Den Rand einer Tasse. Lauwarme Flüssigkeit sickerte in seine Mundhöhle. Nur ein kleines Rinnsal, aber belebend wie das Dröhnen und Vibrieren des Motors direkt unter den eigenen Oberschenkeln und der Wind und die Sonne, wenn es auf die erste Fahrt der neuen Saison ging.

Er schluckte.

»Gut so.«

Da waren so viele Fragen in ihm und es wurden mit jedem schweren Atemzug mehr. Was war passiert? Warum war er hier? Wie lange schon? Wer war da? Warum konnte er die Augen nicht öffnen? Wann konnte er aufstehen?

Vielleicht hatte der andere es an seiner Mimik abgelesen. Er beantwortete seine Fragen ohne, dass er sie aus sich herausquälen musste: »Sie hatten einen schweren Verkehrsunfall und lagen zwei Monate im Koma. Ihr Körper heilt, aber wir waren uns nicht sicher, ob Ihr Bewusstsein zurückkehren würde.«

Er konnte nach wie vor nichts sehen, aber er hörte das sanfte Lächeln des anderen in seiner Stimme, als er weitersprach. »Sie haben es geschafft. Ab jetzt wird alles besser, glauben Sie mir.«